Verlängerung der Untersuchungshaft auf unbestimmte Zeit. Angebliche Bereitstellung von Schmiergeld in Millionenhöhe für korrupte Manager. Ein erzwungener Rücktritt als CEO von BTG Pactual. Zweifelhafte Zahlungen der Bank an führende Politiker. Die schlechten Nachrichten für André Esteves reißen nicht ab. Es dürfte die schwerste Zeit des Lebens sein, für einen, für den es jahrzehntelang nur eine Richtung gab – bergauf. 

 

Wer ist André Esteves?

Geborgen 1969 in Tijuca, einem Stadtteil von Rio de Janeiro als Einzelkind einer gut bürgerlichen Familie, trat er nach einem Bachelorstudium in Informatik mit 22 Jahren als Systemprogrammierer in die Bank Pactual ein, die sich zum damaligen Zeitpunkt als eine der ersten Banken Brasiliens auf die Finanzierung von Großprojekten spezialisiert hatte. Nach kurzer Zeit wurde Esteves Anleihehändler und  kümmert sich um Börsengänge und M&A Aktivitäten der Bank. Angeblich trug er maßgeblich dazu bei, dass Pactual Renditen von bis zu 59% erzielen konnte. Das ermöglichte ihm 1992 dem Aufstieg zum Partner der Bank.

1999 setzte er sich an die Spitze einer Revolte innerhalb der Bank, die die Ablösung des letzten verbliebenen Gründers von Pactual, Luis César Fernandes, betrieb. Dieser hatte sich mit einigen Geschäften verspekuliert und wollte die aufgelaufenen Schulden mit Bonuszahlungen der Mitarbeiter verrechnen. Der Gruppe im Esteves weigerte sich, sich darauf einzulassen. Ihnen gelang es stattdessen als Kompensation, Fernandes zur Herausgabe seiner Aktienanteile zu bewegen, nachdem dieser als Präsident der Bank zurückgetreten war.

Andre Esteves BTG Pactual

Andre Esteves BTG Pactual

Im Jahr 2006 übernahm die Schweizer USB die Bank Pacutal für 3,1 Mrd. US$, mit der Absicht, sie zu ihrem zentralen Standbein im lateinamerikanischen Markt aufzubauen. Esteves, zu diesem Zeitpunkt Anteilseigner von Pactual, konnte durch diese Transaktion sein Vermögen auf über eine Milliarde R$ steigern.

Mitte 2008 verließ Esteves zusammen mit anderen brasilianischen Managern die Bank, um anschließend gemeinsam die Investmentbank BTG, deren Geschäftsmodell sich an Pactual orientierte, zu gründen. Als sich Zuge der weltweiten Finanzkrise 2008 die USB von Pactual trennen wollte, nutzte Esteves die Chance und kaufte, in einer aufgrund der Fragilität und Unsicherheit der Märkte durchaus als mutig und gewagt zu bezeichnenden Entscheidung zusammen mit Partnern alle Anteile von Pactual für 2,5 Mrd. US$ zurück. Er verschmolz Pactual anschließend mit der BTG zu einer gemeinsamen Institution und wurde der Vorstandsvorsitzender von BTG Pactual.

Unter Leitung von Esteves entwickelte sich die Bank in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Finanzpartner der Regierungen unter Lula da Silva und später Dilma Rousseff. Dadurch gelang es Esteves ein exzellentes Kontaktnetzwerk bis in höchste Regierungskreise aufzubauen. Dem Geschick und Geschäftsinn von Esteves ist es auch zu verdanken, dass BTG Pactual in den Folgejahren stark wachsen konnte. Durch Zukäufe und Beteiligungen gelang es ihm, die Aktivitäten der Bank auf unterschiedliche Geschäftsfelder auszudehnen.

So übernahm BTG Pactual im Jahr 2011 die Anteile des brasilianischen Medienunternehmer Silvio Santos an der Bank Panamericano für einen Kaufpreis von 450 Mio. R$. Panamericano war durch Bilanzbetrügereien in Schwierigkeiten geraten und konnte zwischenzeitlich nur durch einen Notkredit des Einlagensicherungsfonds in Höhe von 4 Mrd. R$  gerettet werden. BTG Pactual und die ebenfalls an der Transaktion beteiligten Caixa Econômica Federal entschuldete die Bank und führten die Geschäfte weiter. BTG Pactual war dieser Schritt insofern bedeutsam, dass sich die bis dahin hauptsächlich im Firmen- und Großkunden aktive Bank, auch auf das Geschäftsfeld mit Privatkunden ausdehnen konnte.

Im Juni 2013 kaufte BTG Pactual 50% der Anteile des Öl- und Gasgeschäft von Petrobras in Afrika für 1,5 Mrd. US$, was seitdem unter dem Namen PetroÁfrica betrieben wird. Außerdem beteiligte sich die Bank an Sete Brasil, einer Investionsgesellschaft, deren Aufgabe die Erkundung von Erdölvorkommen im Pre-Sal vor der Küste Brasilien ist. Neben BTG Pactual sind unter anderem die Banken Bradesco, Santander, Bradesco, Santander, diverse Staatsunternehmen und der Pensionsfonds von Petrobras an dem Unternehmen beteiligt. Momentan gibt es allerdings Schwierigkeiten bezüglich der Umstrukturierung von Verbindlichkeiten in Höhe von 14 Mrd. R$.

Weiterhin hält BTG Pactual 5,9% der Anteile am Medienunternehmen UOL, 15% an der Krankenhauskette Rede D’Or (inzwischen verkauft) und 3,6% am Telefonanbieter Oi.

André Esteves hält insgesamt 28,8% an der Bank, die über eine Bilanzsumme von 306,8 Mrd. R$ , 245 Anteilseigner und 3.500 Mitarbeiter verfügt und in 20 Ländern Niederlassungen unterhält. Das Nettovermögen von Esteves beträgt rund 9 Mrd. R$ (2,25 Mrd. Euro)

Der Wendepunkt

Am Mittwoch, 25.11.2o15, wurde André Esteves im Zuge der Ermittlungen um den Petrobras Korruptionsskandal in seiner Wohnung in Ipanema, Rio de Janeiro, verhaftet und sitzt seitdem in Haft. Vorgeworfen werden im Verwicklungen in mögliche Schmiergeldzahlungen in Höhe von 4 Mio. R$ und Unterstützung der Vorbereitung der Fluch von Nestor Cerveró, einem Ex-Präsidenten von Petrobras und eine zentrale Figur der Korruptionsaffäre, der bereits seit längerem in Haft sitz.

Auf die Spur kamen die Ermittler Esteves durch den heimlichen Mitschnitt eines Gespräches, das der ebenfalls verhaftete Delcídio de Amaral, Fraktionsführer der Regierungspartei PT im Kongress, zusammen mit Anwälten und dem Sohn von Cerveró führte. Darin wurde die Fluchtpläne besprochen und die mögliche Beteiligung von André Esteves an der Operation.

EstevesbeiVerhaftung

André Esteves bei seiner Verhaftung am Mittwoch

Nachdem am Sonntag, 29.11.2015 die Untersuchungshaft auf unbestimmte Zeit verlängert wurde, trat Esteves als Vorstand der Bank zurück. Seinen Posten hatte bereits nach der Verhaftung interimsweise der ehemalige Zentralbanker Persio Arida übernommen. Am Wochenende kam außerdem das Gerüchte auf, dass die BTG Pactual im Jahr 2013 45 Mio. R$ Bestechungsgeld an Eduardo Cunha, dem aktuellen Sprecher des Repräsentantenhauses, gezahlt habe. Dies ging aus einem Aktenvermerkt hervor, auf die Ermittler im Zuge der Korruptionsaffäre gestossen waren. Cunha hatte damals in seiner Funktion als Abgeordneter zwei Gesetzesänderungsanträge eingebracht, die BTG Pactual in der Übernahme der Bamerindus Bank sehr geholfen hätten. Diese Änderungsanträge wurden damals jedoch mehrheitlich abgelehnt. Sowohl Cunha, medienwirksam per Twitter, als auch BTG Pactual wiesen die Anschuldigungen inzwischen als haltlos zurück.

Allerdings wird gegen Cunha bereits wegen einem ähnlichen Vorfall  im Zusammenhang mit dem Unternehmen Mitsui im Rahmen der Aufarbeitung des Petrobras Korruptionsskandals ermittelt. Auch BTG Pactual scheint tiefer in den Petrobras Skandal verwickelt zu sein. Darauf weisen eine Reihe von Finanzaktionen mit bereits verhafteten und unter Korruptionsverdacht stehenden Geschäftsleuten hin.

Die verbliebenen Anteilseigner der Bank berieten in den letzten Tagen das weitere Vorgehen. Unter anderem wurde diskutiert, André Esteves zum Verkauf seiner Beteiligung an BTG zu bewegen, um eine klare Trennung zu erreichen und den Vertrauensverlust zu begrenzen. Dies geschah auch vor dem Hintergrund, dass sich die Zentralbank sehr besorgt gezeigt hat über die Entwicklung der Bank und die Sicherheit der Einlagen. Ende September verfügt die BTG Pactual über 40 Mrd. R$ an Liquidität, die auch über weitere 90 Tage gesichert sein. Danach könnte es aber passieren, dass Investoren verstärkter Geld anzuziehen, falls sich die Situation von Esteves unverändert zeigt oder sogar verschlechtert. Vor allem internationale Investoren könnten aufgrund von Regularien gezwungen sein, Einlagen aufzulösen, falls die Ermittlungen gegen Esteves und die Bank weiter ausgeweitet würden und weitere Verstrickungen in den Korruptionsskandal um Petrobras aufgedeckt würden. Das würde die Liquidität der Bank dramatisch verschlechtert und vermutlich sogar den Zusammenbruch führen.

Inzwischen haben bereits einige Investoren in größerem Umfang Gelder aus Fonds von BTG Pactual abgezogen. Alleine in der letzten Woche wurden Anteile im Wert von mehr als 5 Mrd. R$ zurückgegeben. Diese Trend dürfte sich weiter fortsetzen.

Moody’s, was das Unternehmen turnusmäßig letzte Woche einer Überprüfung unterzog, reduzierte in einer aktualsierten Bewertung die Kreditwürdigkeit von BTG Pactual Baa3 auf Ba2 und damit in den Bereich spekulativer Anlagen, zwei Stufen unter einer Investitionsempfehlung.

Offensichtlich wurde der Druck auf BTG Pactual nun zu groß, so dass am Mittwoch, 02.12.2015, gehandelt werde musste. In einer Entscheidung, die unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Zentralbank steht, wird die Beteiligung von André Esteves in Höhe von 28,8% an BTG Pactual in eine Holding eingebracht, zusammen mit dem Anteil der verbliebenen sieben Partner und Anteilseigner der Bank. Diese Holding ihrerseits hält 80% der Anteile von BTG Pactual. Im Ergebnis bedeutet dies, dass Esteves die direkte Kontrolle des Unternehmens vollständig abgibt.

Gleichzeitig wurde bekannt, dass sich die Bank von ihrer Beteiligung an Rede D’Or an einen Investmentfond aus Singapur für 2,38 Mrd. R$ verkauft hat.

Esteves konnte anscheinend jedoch nicht zum Verkauf seiner Anteile bewegt werden, deren Wert sich in den letzten Tagen im Zuge der negativen Meldungen um die Bank stark gefallen ist. Lag der Aktienkurs von BTG Pactual am Tag vor der Verhaftung von Esteves noch bei 30,50 R$ (BVMF:BBTG11) so fiel er Stand 01.12.2015 auf 20,30 R$ zurück, ein Verlust von circa 33%. Esteves dürfte damit bereits 3 Mrd. R$ seines Vermögens eingebüsst haben.

Der Ausblick

Helfen können BTG damit nur gute Nachrichten und vor allem die Wiederherstellung des Vertrauens. Allerdings dürfte dies angesichts der andauernden Ermittlungen schwer fallen. Schwer wiegt auch der zwar notwendige aber auch schmerzliche Rückzug von André Esteves. Er war die treibende Kraft hinter der Bank und maßgeblich für deren Aufstieg verantwortlich.

Esteves, der es in wenigen Jahren vom einfachen Angestellten bis zum Hauptanteilseigner einer Bank mit einem Vermögen in Milliardenhöhe und zu einem der reichsten und einflussreichsten Brasilianer gebracht hat. Einer, der offensichtlich Talent und Gespür für Geschäfte aber auch für das Knüpfen von politischen Netzwerken hat. Wie konnte es so weit kommen, dass er aufgrund einer bizarr anmutenden Fluchthelfergeschichte sich selbst so in Gefahr bringen konnte? War das Netzwerk seiner Vertrauten zu groß und inzwischen zu brüchig? Hat er die brasilianische Justiz und deren Unnachgiebigkeit in den Ermittlungen um den Petrobras Korruptionsskandal unterschätzt? Hat er sich für unantastbar gehalten und war viel zu leichtsinnig, aus reiner Gewohnheit?

Der Verdacht liegt nahe, konnte man sich in der Vergangenheit relativ sicher sein, mit guten Verbindungen in die richtigen Kreise und entsprechendem finanziellen Mitteln, frei und sicher fühlen. Diese Zeiten scheinen sich geändert zu haben. Wie die bereits erfolgten Verhaftungen zeigen, vor großen Namen aus Wirtschaft und Politik wird keine Rücksicht mehr genommen. Die Aufdeckung der diffusen Beziehungsgeflechte zwischen Politik und Wirtschaft sorgen für große Erschütterungen und Lähmungserscheinungen. Es ist nicht nur Sand im Getriebe, es fehlen an vielen Stellen Zahnräder, die es antreiben können. Brasilien scheint das in Kauf zu nehmen. Die Aufdeckung der Korruptionsaffäre um Petrobras, mit der alles seinen Anfang nahm, läuft unter dem Namen „Lava Jato“, was auf Deutsch „Autowäsche“ bedeutet. Und in der Tat scheint es ein Reinwaschen zu sein, was sich allerdings gerade im Stadium eines heftigen Gewitters äußert, dessen Dauer noch ungewiss ist.

Auch André Esteves wird sich seine Gedanken machen. Und er wird viel Zeit haben, in seiner Gefängniszelle über alles nachzudenken…

 

Quelle Text: GloboNews | Quelle Foto: BrasilToday