Der Zika Virus beherrscht nach wie vor die Schlagzeilen. Zahlreiche Touristen haben ihre Reise nach Brasilien und andere Länder Südamerikas aus Angst vor einer Erkrankung storniert. Vor allem aber die mögliche Verbindung von Zika mit der bei Säuglingen festgestellten Fehlbildung des Gehirns, Mikrozephalie, sorgt teilweise für Panikreaktionen. Dabei sind die Zusammenhänge bisher wissenschaftlich nicht erwiesen. Die Ursachenforschung ist schwierig. 

 

Nachdem das Zika Virus zu neuer gefährlicher Berühmtheit gelangt ist, vor allem weil es in Verdacht steht Mikrozephalie bei Säuglingen auszulösen, wird die Suche nach Ursachen und möglicher Schutzmaßnahmen intensiviert. Die Unsicherheit ist sehr groß, vor allem weil es kaum Möglichkeiten gibt, sich gegen einen Mückenstich der Aedes aegypti wirksam zu schützen.

Mehrere Forscherteams weltweit suchen nun fieberhaft nach einer Möglichkeiten, den Virus zu bekämpfen. Gleichzeitig wird der Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie untersucht. Nun haben US-Wissenschaftler vorsichtig den Verdacht geäußert, dass dieser Zusammenhang tatsächlich besteht, bewiesen ist er noch nicht.
Die brasilianischen Behörden hingegen waren sehr schnell diesen Zusammenhang als erwiesen anzusehen. So hatte der Gesundheitsminister verlauten lassen, dass „mit absoluter Sicherheit“ das von Mücken übertragene Zika-Virus die Ursache für Mikrozephalie bei Säuglingen ist.

Typische Kopfdeformation durch Mikrozephalie

Typische Kopfdeformation durch Mikrozephalie –

Die tatsächliche Beweisführung ist jedoch weit komplizierter. „Das bloße Vorhandensein des Virus bedeutet nicht, dass es diese Fehlbildung verursacht, sondern nur, dass es wahrscheinlich ist.“, sagte Arnold Monto, ein Epidemiologe an der Universität von Michigan (USA). Die Untersuchung befindet sich noch in einem frühen Stadium. Inzwischen haben jedoch bereits fünf lateinamerikanischen Ländern vermehrte Infektionen mit dem Zika-Virus gemeldet.

Begonnen hat alles damit, dass brasilianischen Ärzte im Herbst letzten Jahres eine Zunahme von Mikrozephalie bei Säuglingen festgestellt haben. Die Säuglinge entwickeln eine Deformation des Kopfes, der eine normale Entwicklung des Gehirns verhindert. Schwere geistige Schäden, die bis zum Tod des Kindes führen können, sind die Folge. Nach Untersuchung von Hirngewebe von betroffenen Kindern wurde teilweise der Zika-Virus nachgewiesen. Dennoch fehlt bisher der eindeutige Beleg, denn auch andere Faktoren können für das Auftreten von Mikrozephalie verantwortlich sein.

So ist auch denkbar, dass das Guillain-Barre-Syndrom, was den Zusammenbruch des Nervensystems verursacht, eine Rolle spielt. Dies legen zumindest neuste Forschungsergebnisse nahe, die dies bestätigen sollen. Der Nachweis ist jedoch schwierig, weil aufwendige Studien mit schwangeren Frauen notwendig sind, die sich nicht ohne weiteres durchführen lassen. Eine entsprechende Gruppe von Frauen, die mit dem Zika-Virus infiziert wurde, muss isoliert und über den gesamten Zeitraum der Schwangerschaft bis zur Geburt des Kindes beobachtet werden. Ebenso müssen unter Vergleichsbedingungen gesunde Mütter mit voraussichtlich gesunden Kindern ebenso in eine Studie mit einbezogen werden.

Das Centers for Prevention and Disease Control (CDC) in den USA hat sich nun an einem Pilotprojekt beteiligt, was in Kürze im brasilianischen Bundesstaat Paraíba beginnen soll. Er wird sich auf 100 Kinder mit Mikrozephalie konzentrieren und 100 Kinder, ohne dieses Erkrankung geboren wurden. Die Forscher werden Blutproben von den Müttern entnehmen, die Anzeichen einer vorherigen Infektion mit Zika aufweisen. Sie werden auch nach anderen möglichen Faktoren suchen, wie andere Mikroorganismen oder Toxine in der Umwelt. Einige Experten vermuten, dass der Zika-Virus alleine nicht Mikrozephalie auslösen kann, sondern auch andere Faktoren eine Rolle spielen, wie beispielsweise Unterernährung oder Infektionen mit einer Tropenkrankheiten wie Dengue.
Das CDC hatte bereits im vergangenen Monat in Salvador de Bahia in Kooperation mit Gesundheitsbehörden eine Untersuchung mit Schwerpunkt auf dem Guillain-Barré-Syndrom durchgeführt. Dazu untersuchten die Forscher 40 Menschen mit diesen Krankheitssystemen und 80 ohne. Ergebnisse liegen bis heute jedoch noch nicht vor.

Eine andere ähnliche Studie, die von brasilianischen Behörden momentan durchgeführt wird, untersucht 200 Babys mit Mikrozephalie und andere 400 ohne derartigen Befund. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im April vorliegen. „Dies wird die erste Studie sein, die belastbare Beweise für einen möglichen Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie aufdecken kann“, sagte Marcos Espinal von PAHO (Pan American Health Organization).

Schwierige Studien

Die Studien sind relativ aufwendig und schwierig durchzuführen. Teilnehmer haben oft Probleme, sich an Details der letzten 6 Monate zu erinnern, zum Beispiel wann sie von den Moskitos gestochen wurden, die als Hauptüberträger Zika gelten. Obwohl die Ursachenforschung sich schwierig gestaltet, plädieren Experten, die Studien, die eine Begleitung von Patienten vorsieht, mit hoher Intensität fortzusetzen. Beispielsweise werden in Kolumbien bis zu 2.000 schwangeren Frauen, die sich zuvor mit Zika infiziert hatten, in einer Großstudie beobachtet, um Auswirkungen auf die Föten zu ermitteln.

In Brasilien ist ein möglicher Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie auf die stark gestiegen Anzahl von Neugeborgen mit diesem Defekt zurückzuführen. Vanessa van der Linden, eine Neurologin in einem Krankenhaus in Recife, begann darauf hin mit der medizinischen Ursachenforschung anhand bekannter Auslöser wie Toxoplasmose, Röteln, Cytomegalovirus und HIV. Hier konnte sie jedoch keinen signifikanten Zusammenhang herstellen. Jedoch wiesen alle Mütter Hautunreinheiten und Hautrötungen in der frühen Schwangerschaft auf, die mit Symptomen des Zika-Virus identisch zu sein schienen. Von da an wurde auf breiter Front begonnen, Zusammenhänge herzustellen.

Jedoch ist die Beweisführung durch Vergangenheitsbetrachtung schwierig, da in Brasilien die Fälle von Zika-Erkrankungen nicht lückenlos erfasst wurden. Es existiert keine vollständig Statistik und zudem besteht der Verdacht, dass aufgrund ähnlicher Symptome Fälle von Dengue und Zika falsch zugeordnet wurden. Merkwürdig ist auch, warum eine relativ große Zahl von Fällen in Brasilien erfasst wurden, in anderen lateinamerikanischen Ländern jedoch nicht.

Die Gesundheitsbehörden in Kolumbien die inzwischen auch ein weitere Ausbreitung von Zika festgestellt haben, konnten jedoch keinen überduchschnittlichen Anstieg von Mikrozephalie bestätigen. Allerdings müssen auch noch die Geburten von Schwangeren, die sich mit Zika infiziert haben, abgewartet werden. Dies kann noch einige Monate dauern.

Experten gehen davon aus, dass letztendlich eine Kombination von Feldstudien und Laboruntersuchungen einen möglichen Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie beweisen können. Farrah Mateen, ein Forscher an der Harvard Medical School in Boston meinte: “ Das Rätsel wird gelöst werden. Es ist nur eine Frage wie man am schnellsten und sichersten zu den Ergebnissen kommt.“

Alternative Theorie

Auf eine mögliche alternative Verbindung zum Zika-Virus machen argentinische Wissenschaftlicher in einem Bericht aufmerksam. Da sich das Autreten von Säuglingen mit Mikrozephalie auf eine bestimmte Gegend konzentriert, vermuten die Forscher eine andere Ursache als Zika. Auffallend ist, dass dort, wo die meisten Erkrankten wohnen, ein Larvenbekämpfungsmittel ins Trinkwasser gegeben wurde, um gegen die Mückenplage vorzugehen. Dieses Mittel enthält Pyriproxyfen, welches die Zika und andere Krankenheiten übertragende Mücken abtötet.

Die staatlichen Organe, die bereits seit 2014 das Larvengift einsetzen, haben zugegeben, dass dieses Mittel von Sumitomo Chemical hergestellt wird, ein „strategischer Kooperationspartner“ von Monsanto, dem weltbekannten Agrakonzern. Pyriproxyfen wirkt als Wachstumshemmer auf Mückenlarven, der den Entwicklungsprozess von der Larve bis zur Puppe verändert und damit Fehlbildungen bei der Entwicklung von Mücken auslöst, die zum Tod führen.

Die argentinischen Forscher merken dazu an: „Die tausenden von Kindern von schwangeren Frauen mit Fehlbildung des Kopfes wurden in Gebieten festgestellt, in denen die brasilianischen Behörden Pyriproxyfen dem Trinkwasser hinzugefügt haben. Es ist also kein Zufall, obwohl das brasilianische Gesundheitsministerium den Zika Virus für diese Fehlbildungen verantwortlich macht.“ Die Experten wiesen weiter darauf hin, dass Zika traditionell eine relativ gutartige Krankheit  war, bei der noch nie Geburtsschäden aufgetreten sind, obwohl teilweise bis zu 75% der Bevölkerung infiziert war.

Das Mittel Pyriproxyfen ist relativ neu auf dem brasilianischen Markt, der Anstieg von Mikrozephalie ist ebenso ein relativ neues Phänomen. So könnte das Larvenbekämpfungsmittel eine plausible Ursache für die Häufung von Mikrozephalie sein. Unterstützt wird diese These damit, dass von 404 untersuchten Fällen von Mikrozephalie in Brasilien nur 17 (4,2%) positiv auf das Zika-Virus getestet wurden.

Der Bericht der argentinischen Ärzte, der sich auch mit dem Dengue Fieber in Brasilien befasst, stimmt in weiten Teilen mit einer Untersuchung brasilianischen Ärzte der Forschungsinitiative ABRASCO überein.

ABRASCO hat ebenso Pyriproxyfen als potentieller Faktor für den Ausbruch von Mikrozephalie benannt und die Aussetzung seiner Verwendung zur Larvenbekämpfung gefordert. ABRASCO verurteilte weiterhin die angewandte Strategie der Bekämpfung von Zika, durch chemische Gifte, die die Umwelt als auch Menschen belastet, ohne dass die Zahl der Mücken nachweislich zurückgegangen ist. ABRASCO äußerte weiterhin die Vermutung, dass die Anwendung von Pyriproxyfen hauptsächlich von kommerziellen Interessen der chemischen Industrie getrieben ist, die sehr eng mit lateinamerikanischen Gesundheitsministerien kooperiert, sowie Verbindungen zur Weltgesundheitsorganisation und der Pan American Health Organisation unterhält. Beispielhaft dafür nannte ABRASCO die britische Firma Oxitec, die mit starkem Lobbyismus versucht, ihr Mückenbekämpfungsmittel zu vertreiben, was von den argentinischen Ärzten als Totalausfall und wirkungslos bezeichnet wurde.

Hauptsächlich Arme betroffen

Ein Fakt, über den in allen Berichten von Zika immer gern hinweggegangen wird, der Virus verbreitet sich hauptsächlich in Armensiedlungen. Sowohl brasilianischen als auch argentinischen Ärzte und Forscher und Verbänden richten deshalb ihre Kritik an staatlichen Stellen, die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen der Verbreitung von Zika oder Dengue weitgehend ausblenden: „In Argentinien und in ganz Amerika sind die ärmsten Bevölkerungsgruppen mit den geringsten Zugang zu sanitären Einrichtungen und sauberem Wasser am stärksten betroffen. Die Basis der Eindämmung der Ausbreitung von Zika und Dengue liegt daher in der Bekämpfung von Ungleichheit und Armut.“

ABRASCO wies auch darauf hin, dass die Krankheit in engem Zusammenhang mit der Umweltzerstörung steht. Durch Abholzungen im großen Stil ausgelöste Überschwemmungen und den massiven Einsatz von Herbiziden auf Sojapflanzen sind Hauptkritikpunkte.

Der kenianischen Entomologe Dino Martins ist sich sicher, dass „die Explosion der Moskitos in städtischen Gebieten, die Ausbreitung von Zika massiv fördert.“ Durch Mangel an natürlichen Feinden kann sich die Moskito-Populationen unkontrolliert verbreiten.  Mangelnde Hygiene, Lagerung und Entsorgung von Abfällen schafft einen künstliche Lebensraum für die Ausbreitung der Mücke.

Bekämpfung der Ursachen

Die argentinischen Ärzten glauben, dass die beste Möglichkeit zur Bekämpfung von Zika in „community-basierten Aktionen“ liegt. Als Beispiel für eine solche Aktion ist der Kampf gegen den Dengue-Virus in El Salvador. Eine beliebte Brutstätte für die Krankheiten übertragenden Mücken waren dort Lagerbehälter mit stehendem Wasser. Die Menschen vor Ort haben dort begonnen, Fische in den Wasserbehälter zu halten, die die Mückenlarven fressen. Der Dengue Virus verschwand zusammen mit den Mücken. Auch Zika Fälle sind aus dieser Gegend bisher nicht bekannt geworden.

Dieses Beispiel hat jedoch Seltenheitswert in einer oft zugunsten von Unternehmen mit chemischen Lösungen umgesetzten Bekämpfungsprogrammen, die nun im Verdacht stehen, auch für Menschen schädliche Nebenwirkungen zu haben.

 

Quelle Text: GloboNews | Quelle Foto: BrasilToday

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