Die seit mehr als einem Jahr andauernden Ermittlungen im Korruptionsskandal um den Ölkonzern Petrobras haben eine neue Eskalationsstufe erreicht und den Börsenindex IBOVESPA am Mittwoch mit 3% Verlust stark ins Minus gedrückt. Nach Festnahme des Direktors des Vermögensverwalters BTG Pactual, André Esteves, stürzte der Wert der Bankaktie teilweise um 40% ab. Der Dollar verteuerte sich 1,5%. Festgenommen wurde auch der Fraktionschef der Regierungspartei PT Delcídio de Amaral und damit zum ersten Mal ein aktueller Mandatsträger der Regierungspartei von Dilma Rousseff.

 

Delcídio de Amaral wird vorgeworfen, dem bereits in Haft sitzendem Ex-Vorstandsmitglied von Petrobras, Nestor Cerveró 50.000 R$ Schweigegeld pro Monat sowie weitere monatliche Zahlungen in gleicher Höhe angeboten zu haben, damit dieser sich nicht weiter zum Petrobras-Skandal äußert. Die Festname ist ein Novum, seit 1985 wurde kein Senator mit laufendem Mandat mehr verhaftet. Zudem handelt es sich um einen prominenten Vertreter, den Fraktionsvorsitzenden der PT, der regierenden Partei von Präsidentin Dilma Rousseff.

AmaralDelcídio

Delcídio de Amaral bei einer Rede im Kongress

Mit dem gleichen Verdacht, der versuchte Behinderung der Ermittlungen und Vertuschung wurde der Bankier André Esteves, Direktor und Hauptanteilseigner von BTP Pactual, einer Vermögensverwaltungsgesellschaft, verhaftet. André Esteves wird weiterhin vorgeworfen, der Familie von Nestor Cerveró finanzielle Unterstützung in Höhe von 4 Mio. R$ angeboten zu haben. Esteves gilt als einer der reichsten und einflussreichsten Persönlichkeiten Brasiliens mit weitreichenden Verbindungen in die Politik.

Neves_Esteves

André Esteves (vorn rechts) mit Aécio Neves (PSDM) bei einem Besuch in New York

Delcídio wurde vorbeugend in Untersuchungshaft genommen. Die Verhaftung von Esteves erfolgte vorübergehend. Beide befanden sich jedoch auch am heutigen Donnerstag noch in Haft.

Teori Zvascki, der das Ermittlungsverfahren zur Aufklärung des Korruptionsskandals leitet, teilte mit, der Hauptgrund für die Verhaftung war das Angebot von Delcídio an Cerveró über 50.000 R$, um diesen dazu zu bewegen, keine belastenden Aussagen mehr der Sache zu tätigen. Esteves sollte das Geld dafür bereitstellen, wie aus dem Mitschnitt eines Gespräches zwischen Delcídio und dem Anwalt Edson Ribeiro hervorging, der Cerveró vor Gericht vertritt. Der Anwalt wurde ebenso in Untersuchungshaft genommen. Die Verhaftung von Delcídio ist ein deutliches Signal, dass die parlamentarische Immunität nicht verhindert, dass Verbrecher verfolgt werden.

Die Beziehung zwischen Delcídio und Cerveró entstand bereits den 1990er Jahren, als Delcídio das Gasgeschäft von Petrobras verantwortete und Cerveró sein Stellvertreter war. Die Festnahmen sind das Ergebnis einer Vereinbarung von Cerveró mit der Staatsanwaltschaft. Diese hatte zunächst gezögert mit Cerveró einen Deal zu vereinbaren, weil er als „Spieler“ einschätzt wurde, der weiterhin versuche würde, wichtige Fakten in dem Korruptionsskandal zu verheimlichen.

Aus dem Mitschnitt des Gesprächs, welches pikanterweise der Sohn von Cerveró heimlich aufgenommen und an die Polizei weiter geleitet hatte, geht hervor, dass Delcídio einen mögliche Flucht für Nestor Cerveró plante, falls es dem Sohn von Cerveró gelingen sollte, eine kurzzeitige Haftverschonung bzw. Freilassung seines Vaters zu erreichen. Filmreif sollte Cerveró nach Paraguay fliegen und von dort mit einem Privatjet nach Madrid weiterreisen. Für diesen Flug hätte Cerveró seine Identität verschleiern können. Zudem besitzt er einen spanischen Pass, was ihm möglicherweise vor weiteren Strafverfolgungen durch brasilianische Behörden geschützt hätte.  André Esteves Aufgabe wäre gewesen, die Flucht mit geschätzten Kosten von 4 Mio. R$ zu finanzieren. Inzwischen wurde Cerveró sicherheitshalber in ein anders Gefängnis verlegt. Interpol wurde vorläufig über die mögliche Fluchtgefahr von Nestor Cerveró unterrichtet.

Nestor Cerveró vor dem Untersuchungsausschuss in der Petrobras Korruptionsaffäre

Nestor Cerveró vor dem Untersuchungsausschuss in der Petrobras Korruptionsaffäre

Nach der Verhaftung ihres Fraktionsvorsitzenden zeigten sich Abgeordnete der PT perplex und sprachen von einem Buch der Verfassung, da jedes Mitglied des Kongresses Immunität genießt. Es besteht jedoch die Ausnahmeregel für den Fall, das jemand auf „frischer Tat“ ertappt wird, eine Verhaftung durchzuführen. Dazu müssen innerhalb von 24 Stunden Beweise vorgelegt werden. Zusätzlich muss der Senat über die Legitimität der Verhaftung in einer Abstimmung entscheiden.

Senator Ronaldo Caiado, ein Vertreter der Opposition sagte über Twitter, dass die Opposition für den Verbleib Delcídio im Gefängnis stimmen werden und dass es wichtig wäre, dass sich die Regierungspartei PT dem Votum anschließt.  Gleichzeitig unterstrich er, dass weiterhin die Forderung der Verhaftung von Eduardo Cunha (PMDB-RJ), Präsident der Abgeordnetenkammer, besteht, der tief in die Korruptionsaffäre um Petrobras verstrickt scheint.

Die Bank BTG Pactual erklärte, dass man vollständig mit den Behörden kooperieren wird und alle Informationen offenlegen wird, die zur Klärung des Falles beitragen. Dennoch erschütterte die Verhaftung des Vorstandsvorsitzenden und größten Anteilseigners die Finanzbranche. Der Vertrauensverlust ist gewaltig. Dementsprechend fiel die Reaktion am Aktienmarkt aus. Aktien der BTG Pactual gaben am Mittwoch in der Spitze bis zu 40% nach und verabschiedeten sich mit einem Minus von 21,01% aus dem Handel. Der nominale Verlust an Börsenwert für das Unternehmen beträgt 6,091 Mrd. R$. Auffällig war ebenso der hohe Börsenumsatz in der Aktie, der mehr als das 12-fache des durchschnittlichen Transaktionsumfanges erreichte.

Dieser hohe Tagesverlust zog auch andere Finanzwerte nach unten, vor allem die drei großen Banken Itaú (Schlusskurs: 27,91R$ -4,91%), Banco do Brasil (17,40R$ -6,45%) und Bradesco (24,80R$ -4,25%) gaben deutlich nach. Insgesamt verloren die drei Banken 13,931 Mrd. R$ an Börsenwert. Im Zuge der Unsicherheit zog auch der Dollarkurs um 1,5% an. Der brasilianische Börsenindex IBOVESPA schloss mit einem Verlust von mehr als 3%.

Kurz vor Börsenschluss wurde bekannt, dass der Ex-Vorstand der Zentralbank, Persio Arida, die Geschäfte von BTG Pactual weiter führen wird. Arida ist ebenfalls Anteilseigner der Bank und sitzt im Verwaltungsrat des Unternehmens.

Laut Moody’s könnte die Verhaftung von Esteves Auswirkungen auf das Kredit-Rating der Bank haben. Nach dieser Meldung fielen die Anleihenkurse von BTG-Pactual um 20% auf 0,724 Cent pro Dollar und damit auf den tiefsten Stand überhaupt. Die Anleihen haben ein Volumen von 1 Mrd. US$ mit Fälligkeit 2020.

Die Bank sicherte ihrerseits die volle Kooperation und Bereitschaft zu, alle notwendigen Informationen zur Aufklärung der Vorwürfe offenzulegen. Gleichzeitig ist man schwer getroffen und niedergeschlagen von der Verhaftung von André Esteves und den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen.

 

Quelle Text: Folha de S.Paulo | Quelle Foto: Flickr/Rafael Matsunaga