Joseph Stiglitz, Professor an der Columbia University in New York (USA) und Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, äußerte sich in einem Interview mit dem Folha de São Paulo zu den von der brasilianischen Regierung geplanten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Belebung des Landes.

 

Stiglitz, der am Mittwoch an der Vortragsreihe Fronteiras do Pensamento in São Paulo teilnimmt, geht davon aus, dass die fiskalischen Anpassungen zu einer Abschwächung der Wirtschaftsleistung führen werden. Die Regierung sollte sich mit Priorität, um die Bekämpfung der Inflation kümmern, in deren Folge die Zinsen aktuell auf einem sehr hohen Niveau sind. Nach seiner Einschätzung sind die geplanten Kürzungen der Sozialleistungen als Teil der Sparmaßnahmen ein Fehler.

Im Gegensatz der in vielen Ländern angewandten Austeritätspolitik, begrüsste Stiglitz die Initiative der BRIC-Staaten eine Entwicklungsbank zu gründen, um durch Investitionen die globale Wirtschaft zu stimulieren. Er richtete seinen Appell auch an die USA, diese Institutionen zu unterstützen und sich eingestehen, dass auch andere Wirtschaftsmächte Führungsansprüche haben.

Folha: Können Finanzierungsinitiativen der Schwellenländern, wie der asiatische Investitionsbank (AIIB) und die Entwicklungsbank der BRIC-Staaten das Gesamtszenario durch neue Investitionen zu verbessern?

Joseph Stiglitz: Ich bin ziemlich erfreut über diese Initiativen. Sie ermöglichen, die Reserveren dieser Länder in die Infrastruktur in Asien, Afrika und anderen Schwellenländern zu investieren. Ich denke, das wird helfen. Aber die Gesamtgröße ist zu gering, um das globale Wachstum zurückzubringen.

F.: Die USA schienen nicht so begeistert…

J.S.: Ich war ziemlich enttäuscht, als die Vereinigten Staaten versucht haben, sich AIIB zu widersetzen, das war ein großer geopolitische Fehler. Die USA tun sich schwer damit zu akzeptieren, dass sie nicht mehr die alleinig dominierende Wirtschaftsmacht sind. Sie haben immer noch eine militärische Macht, aber auch dieser Einfluss ist begrenzt. Präsident Barack Obama und republikanische Politiker haben Schwierigkeiten, diese neuen geopolitischen Realität zu akzeptieren. Statt konstruktiv zu reagieren, gehen sie mit dieser Entwicklung in sehr unproduktive Weise um. Das TTIP sind dafür ein weiteres Beispiel.

F.: Warum TTIP?

J.S.: Es ist ein sehr schlechtes Handelsabkommen. Um es schön zu reden, argumentierte der Präsident, dass die USA, die Regeln der Weltwirtschaft bestimmten müssten, nicht China. Das ist grundfalsch. Die Regeln werden tatsächlich von den großen amerikanischen Konzernen für sich selbst geschrieben, nicht für US-Bevölkerung oder für andere Länder. Und China, als der größte Konsument der Weltwirtschaft, hat ein Recht, gehört zu werden. Die Vorstellung, dass dem nicht so sein, ist absurd.

F.: Die brasilianische Regierung erwartet, dass dieses Jahr ein Haushaltsdefizit von 52 Mrd. R$. Wenn man bedenkt, dass Brasilien eines der höchsten Zinssätze der Welt hat und mit einem Rückgang des BIP von 3% für 2015 rechnet, ist dieses Defizit dann besorgniserregend?

J.S.: Es ist schon etwas merkwürdig, dass das Land so hohe Zinsen hat. Dies zeigt, dass der Finanzsektor nicht so funktioniert wie es sollte. Wer leiht sich Geld bei hohen Zinsen, wenn die Schuld schnell wächst.

F.: Als die Regierung 2012 versucht hat, die Zinsen, die 7,25% bei angekommen waren, zu senken, ist die Inflation wieder über das Ziel hinausgeschossen.

J.S.: Ja, die Inflation ist schon etwas besonders in Brasilien und es erfordert daher eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen, um einen Lohn- und Preisstopp zu vereinbaren, um den Inflationszyklus zu brechen. Brasilien zahlt einen hohen Preis für diesen eher ungewöhnliche Zyklus innerhalb der Schwellenländer.

F.: Angesichts der kontraktiven Effekte glauben Sie, dass eine Haushaltskonsolidierung die beste Lösung ist, die Krise in Brasilien zu beenden?

J.S.: Wahrscheinlich nicht. Das Land erlebt bereits eine Rezession. Eine Sparpolitik wird diese noch verschlimmern. Die Fortsetzung dieser Politik wird das Wirtschaftswachstum wahrscheinlich weiter reduzieren . Und was mich am meisten beunruhigt ist, dass eine Rezession nicht nur Auswirkungen auf das Ergebnis von heute hat. Es neigt dazu, auch in der Zukunft für schwaches Wachstum zu sorgen, weil nicht investiert wird, nicht in das Humankapital und nicht in neue Technologien. So entstehen langfristige Auswirkungen. Wenn Brasilien es schafft, die Inflation zu senken, wäre gleichzeitig auch ein geringerer Zinssatz möglich. Das Land würde schneller wachsen. Auch wenn die Regierung sich zusätzliches Geld leihen müsste, die Schuldenlast wäre am Ende nicht zu groß.

F.: Die Regierung ist der Auffassung, dass Kürzungen bei Sozialtransfers ein Teil der Anpassungen sind. Es ist eine gute Idee?

J.S.: Kürzungen bei Sozialprogramme in der Mitte einer Rezession sind besonders besorgniserregend, weil es Menschen trifft, die besonders betroffen sind. Eine große Errungenschaft Brasiliens in den letzten 20 Jahren, die weltweite Beachtung gefunden hat, ist der Erfolg bei der Armutsbekämpfung und Reduktion der Ungleichheit. Einschnitte bei den Sozialtransfers bedeuten einen Rückschritt.

Das gesamte Interview mit Folha de São Paulo ist hier nachzulesen.

 

Quelle Text: Folha de S.Paulo | Quelle Foto: BrasilToday